Zum Tode von Peter Nissen

Der Übersetzer Peter Nissen sitzt an einem Schreibtisch. Vor ihm steht ein Laptop und hinter ihm ein Bücherregal.

Ein Nachruf von Frank Grupe, ehemaliger Oberspielleiter, langjähriger Kollege und Freund, stellvertretend für das ganze Team im Ohnsorg-Theater

Leve Peter, Du büst nu vun uns gahn. An´n Ostermaandag hest Du Dien Ogen för jümmer tomaakt. Veel to fröh hest du uns verlaten. Du warrst uns fehlen – as Minsch, as Kolleeg, as Vörbild. Wo dull, dat warrt wi sachts eerst noch wies warrn. Ik wünsch mi, dat düsse Wöör, de een faken höört, wenn en Minsch sturven is, sik op Plattdüütsch nich gor so „phrasenhaft“ anhören doot. Se kaamt op jeedeen Fall deep ut mien Hart.

Mit Peter Nissen hat uns nach kurzer schwerer Krankheit ein Kollege verlassen, der so eng und so lange mit dem Ohnsorg-Theater verbunden war, wie kaum ein Zweiter. Doch sein Schaffen ging weit über die reine Theaterarbeit hinaus, insbesondere auf dem Gebiet der Literatur. Darüber wird noch zu berichten sein.

Dass er selbst auch auf der Bühne stand, wissen die wenigsten, und wer Peter Nissen kannte, war ein bisschen überrascht, denn so eine extrovertierte Tätigkeit hätte man ihm kaum zugetraut. Er muss aber eine gute Figur gemacht haben, sonst wäre er nicht 1996 für das Kabarett „De scheewe Dree“ mit dem Niederdeutschen Literaturpreis der Stadt Kappeln ausgezeichnet worden (gemeinsam mit Holger Janssen und Reinhard Golz).

Geboren wurde Peter Nissen 1957 im schleswig-holsteinischen Bordelum. Bis zuletzt war er seiner nordfriesischen Heimat tief verbunden, er hatte dort im Haus seiner Eltern einen zweiten Wohnsitz, bezeichnete sich selbst als Friesen und war Stellvertretender Vorsitzender vom Nordfriisk Instituut.

Er studierte Englisch, Philosophie und Friesische Philologie in Kiel. Nach einem mehrwöchigen Volontariat stellte der damalige Intendant Walter Ruppel ihn 1987 als Dramaturg im Ohnsorg-Theater ein. Ruppel war der erste von vier Intendanten, für die Peter Nissen gearbeitet hat. Der zweite, Thomas Bayer, war so unklug, ihn und seinen Kollegen Hartmut Cyriacks 1994 an die Luft zu setzen. Zwar war der dritte, Christian Seeler, so klug, die beiden im Jahr 1996 wiedereinstellen zu wollen, doch hatten Nissen und Cyriacks inzwischen sehr erfolgreich eine „Textmanufaktur“ in Hamburg eröffnet und zogen dem Dramaturgie-Büro in den Großen Bleichen ihr eigenes in Ottensen vor. Beide blieben dem Ohnsorg-Theater jedoch künftig mit Berater- und Übersetzerverträgen als Mitarbeiter erhalten. Dies änderte sich auch unter dem vierten Intendanten, Michael Lang, nicht.

In der „Textmanufaktur“ verfassten die „Plattdeutsch-Päpste“, wie die beiden (etwas schief formuliert, aber durchaus respektvoll gemeint) wegen ihrer „plattdeutschen Unfehlbarkeit“ genannt wurden, unzählige Theaterstücke und -übersetzungen, etliche davon aus der Weltliteratur, von Brecht bis Tschechow, ferner Hörspiele, eigene Wörterbücher, plattdeutsche Synchron-Dialoge für „Neues aus Büttenwarder“ und „Sesamstraße“, sowie Übertragungen von „Harry Potter“ über „Asterix und Obelix“ bis „Donald Duck“ ins Niederdeutsche.

Peter Nissen und der ebenfalls unvergessene, 2022 verstorbene Hartmut Cyriacks waren ein kongeniales Autoren- und Übersetzerduo, das gemeinsam das Niederdeutsche auf der Bühne und in den Medien über Jahrzehnte geprägt hat.

Alljährlich trafen sie die Vorauswahl für den plattdeutschen Geschichtenwettbewerb „Vertell doch mal“ vom NDR, Radio Bremen und dem Ohnsorg-Theater; sie lasen sich dabei durch tausende von Geschichten, eine Sisyphos-Arbeit, die Peter nach Hartmuts Tod mit Carina Dawert fortsetzte. Die Fernsehreihe „Die Ohnsorgs“, gemeinsam mit Wilfried Dziallas von Cyriacks und Nissen entwickelt und verfasst, lief in Zusammenarbeit mit dem Ohnsorg-Theater erfolgreich von 1996-1999 im NDR Fernsehen. Darüber hinaus riefen die „Cynis“ (eine liebevolle Zusammenfassung beider Namen) im Jahr 1994 die plattdeutschen Nachrichten auf NDR 90,3 ins Leben und sprachen diese bis zum Jahr 2012 auch selbst.

Neben all seiner Arbeit in der „Textmanufaktur“ war Peter Nissen auch im Ohnsorg-Theater stets sehr präsent. Er begleitete Proben, unterrichtete und coachte Schauspielerinnen und Schauspieler in der plattdeutschen Sprache, übersetzte neben ganzen Stücken auch Alltagstexte, beriet die Theaterleitung, besuchte Premieren und offizielle Anlässe im Haus, machte Führungen durchs Theater, war stets für jede und jeden ansprechbar. Seine unaufgeregte Zugewandtheit, sein immer offenes Ohr, seine freundliche Bereitschaft, jeder Frage, die man ihm stellte, nachzugehen, machten ihn zu einem äußerst beliebten Kollegen – als niederdeutsche Koryphäe stand er sowieso außer Frage. Sein Auftreten war selbstbewusst und gleichzeitig sehr bescheiden. Sein feinsinniger Humor, in dem auch mal für einen Kalauer Platz war, zeichnete ihn ebenso aus wie seine große Klugheit. Er hatte zu allem eine Haltung und eine Meinung, trug aber beide niemals vor sich her. Kritik äußerte er stets sachlich, Häme und Intrige waren ihm gänzlich fern. Wir alle sahen in Peter Nissen nicht nur einen waschechten norddeutschen Jung, sondern vor allem einen großartigen Menschen – unauffällig, aber nicht unsichtbar.

Was macht ein Mann, der so viel arbeitet, wohl in seiner Freizeit (und in welcher)? Sprachen waren Peter Nissens große Leidenschaft, nicht nur Plattdeutsch, sondern neben Englisch vor allem auch Friesisch. Er war so belesen, dass er zu jedem Thema etwas beitragen konnte. Zu seinen Interessen zählte außerdem die Kunst. So sammelte er nicht nur Bilder und Skulpturen, sondern war auch mit einigen Künstler*innen befreundet und engagierte sich dafür, ihre Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein weiteres Hobby war zudem die Ahnenforschung. Er konnte – sofern es die Zeit erlaubte – endlos im Internet und in Archiven stöbern, um Familienstammbäume zu rekonstruieren. Die Frage der Identität von Menschen war ihm stets wichtig, und hier liegt wohl auch die Verbindung zu den Regionalsprachen Plattdeutsch und Friesisch, die er so sehr liebte.

Für sein umfangreiches Werk wurde Peter Nissen – zumeist gemeinsam mit seinem Kompagnon Hartmut Cyriacks – mit zahlreichen Preisen geehrt: 1996 und 2003 mit dem Niederdeutschen Literaturpreis der Stadt Kappeln, 2012 mit dem Quickborn-Preis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, 2014 mit dem Fritz-Reuter-Preis der Carl-Toepfer-Stiftung Hamburg und 2018 mit dem Schmidt-Barrien-Preis. Die Ohnsorg-Verdienstmedaille, mit der Peter Nissen im März 2026 ausgezeichnet wurde, konnte er nicht mehr persönlich entgegennehmen, sie würdigt eindrucksvoll seine langjährige, herausragende Bedeutung für das Theater, seine Menschen und die plattdeutsche Sprache.

Das Ohnsorg-Theater trauert um einen wunderbaren Menschen und Kollegen.

Frank Grupe

 

 

Fotonachweis: Inken Jaacks