Klöönsnack

Sönke Andresen: Handys aus – Vorhang auf!

Liebes Ohnsorg-Publikum, leve Lüüd, 

nach den langen, langen „theaterfeindlichen“ Monaten, die hinter uns liegen, ist es mir eine große Freude und Ehre, dass das Ohnsorg-Theater mit meinem neuen Stück Offline för een Avend die neue Spielzeit eröffnet, nach Plattdüütsch för Anfängers und De verdüvelte Glückskeks nun schon die dritte Uraufführung, langsam kann ich mir am Heidi-Kabel-Platz einen Schreibplatz einrichten…  

Das Stück ist entstanden, als nicht klar war, wann und wie Theater wieder eröffnen werden. Geplant war eigentlich eine Tragikomödie, aber wahrscheinlich hatte es auch etwas mit „Realitätsflucht“ zu tun, dass ich mich dann schlussendlich doch für eine lupenreine Komödie entschieden habe. Denn Offline för een Avend soll vor allem Spaß machen: rasant, überdreht, ein Personal, das von der ersten Minute mächtig unter Druck steht. Das Stück steht damit für mich in der Tradition klassischer „Screwball-Komödien“ wie Dinner för Spinner oder Alarm in’t Grand Hotel, die schon sehr erfolgreich am Ohnsorg-Theater liefen. Wie ein kleiner Schneeball, der zu einer immer größeren Kugel heranwächst, treiben Missverständnisse, falsche Fährten, Sein und Schein die Handlung voran. Die Agierenden verfolgen alle ihre ganz eigene Agenda, kennen nur einen Teil der Wahrheit, nur die Zuschauer behalten als einzige den Überblick, sind den Handelnden immer ein Stück voraus. Beim Schreiben führt das mitunter zu einer sehr komplizierten, ineinander verschachtelten Dramaturgie. Ständig muss ich mich als Autor fragen: Welche der Figuren weiß was zu welcher Zeit? Und vor allem: Was wissen die Zuschauer? Trotzdem muss alles leicht, spontan, fast wie improvisiert wirken. Mit Murat Yeginer habe ich dafür zum Glück einen kongenialen Komödien-Regisseur an meiner Seite, mit dem ich schon bei Plattdütsch för Anfängers erfolgreich zusammengearbeitet habe, denn bei dieser Inszenierung kommt es vor allem auf das richtige Timing an.       

Bei aller komödienhafter Überhöhung war es mir trotzdem wichtig, geerdete, im Leben stehende Menschen auf der Höhe der Zeit zu erzählen, die echte Konflikte vor sich hertragen: Carla bangt nach ihrer Abmahnung um ihren Job, ihre Kollegin strebt karrieretechnisch nach Höherem, Chef Brunkhorst drückt sich vor seinem Coming-Out und dem Geständnis, dass sein Möbelhaus längst pleite ist, Carlas Exmann möchte nach der Scheidung nichts lieber, als seine Frau zurück… Den Mikrokosmos Möbelhaus aus Sicht der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erzählen, die täglichen Ränkespielchen und Reibereien, das alles kenne ich nur zu gut aus meiner Zeit bei einem schwedischen Möbelhaus, wo ich während meiner Studienzeit als Bettenverkäufer tätig war. So wie Carla und ihre Kolleginnen zum „Ahoy“-Jubiläum (nicht ganz freiwillig) maritime Kostüme passend zum Firmen-Branding tragen, musste ich mich auch dort als Verkäufer einmal im Jahr zu „Midsommar“ in eine viel zu enge schwedischer Tracht zwängen, während Volkstanzgruppen in der Matratzenabteilung ihre Pirouetten drehten.

Was Carla in „Offline för een Avend“ widerfährt – durch einen unüberlegten Klick erreicht ihre Chat-Nachricht den falschen Empfänger – ist uns in Zeiten von E-Mails, SMS und Messenger-Diensten wohl allen schon einmal passiert. Für mich ist dieses Stück somit auch ein Gesellschafts-Experiment: Im Vergleich zum Jahr 2000 hat sich unser durchschnittlicher, täglicher Internetkonsum fast verzehnfacht. Ist es also heutzutage, wo wir ständig und überall online sind, überhaupt noch möglich, einen nahen Menschen einen Abend lang „offline zu halten“? Versuchen Sie das mal! 

Somit ist „Offline för een Avend“ für mich auch programmatisch für einen Abend am Ohnsorg-Theater. Denn genau das macht für mich Theater in unserer heutigen Zeit aus: Dass da auf der Bühne einen Abend lang „echte Menschen mit Ecken und Kanten“ (Zitat Carla) agieren. Dass ich nicht einsam vor dem Bildschirm sitze, sondern zusammen mit anderen Zuschauern mitfiebere, mitleide, mitlache. 

Also: Handys aus, Vorhang auf! Ich wünsche Ihnen einen vergnüglichen Abend offline!  

Sönke Andresen

 
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