Klöönsnack

Teemlich beste Frünnen: Christian Dobler und Murat Yeginer im Gespräch

Seit über vier Jahrzehnten ist Murat Yeginer mit Leib und Seele ein Theatermann par excellence: Ob als Schauspieler, Regisseur, Autor, Projekt- und Theaterleiter sowie in anderen Funktionen konnte er an deutschsprachigen Theatern Erfolge feiern. Seit 2018 ist er Oberspielleiter des Hamburger Ohnsorg-Theaters, wo er seither zahlreiche Stücke als Regisseur und Bearbeiter auf die Bühne gebracht hat und sich hinter den Kulissen, zusammen mit Michael Lang, dem Intendanten des Ohnsorg-Theaters, um die Geschicke des Hauses kümmert. Nun gibt er im traditionsreichen Haus am Heidi-Kabel-Platz seinen Einstand auf der Bühne – und das »op Platt«: als ›Philip‹ in Teemlich beste Frünnen. Ihm zur Seite steht der gebürtige Wiener Christian Dobler. Für den jungen Schauspieler ist es nicht nur seine erste große Rolle auf einer Theaterbühne, es ist auch sein allererstes Gastspiel in Hamburg, wo er als ›Driss‹ auf Plattdeutsch seinen Einstand auf der Ohnsorg-Bühne gibt.


Murat, viele Wochen hast du dich auf deine Rolle vorbereitet, machst dich vertraut mit einem Leben im Rollstuhl, lernst Plattdeutsch, »snackst« sogar mittlerweile in deinem Büro ausschließlich Platt. Erzähl uns etwas über deine Erfahrungen, die besonderen Herausforderungen.
Murat Yeginer: Ich habe bereits im Mai angefangen den Text zu lernen. Und je weiter ich kam, desto mehr Spaß machte mir die plattdeutsche Sprache. Besondere Herausforderung ist, als besonders aktiver Mensch zwei Stunden im Rollstuhl zu sitzen und nicht mal den kleinen Finger rühren zu dürfen. Und alle Emotionen in die Sprache hineinzulegen. Und davon gibt es in diesem Stück sehr viele. Mir hat das sich Hineinversetzen in einen Menschen mit Behinderung die Augen darüber geöffnet, wie wenig in unserer Gesellschaft Menschen mit Behinderung bedacht werden.


Für dich, Christian, gleichermaßen eine große Herausforderung. Wie hast du dich auf Hamburg, das Ohnsorg-Theater, auf deine Rolle und die fremde Sprache vorbereitet?
Christian Dobler: Ich war sehr überrascht, als der Anruf von meiner Agentin kam, und dass das Ohnsorg-Theater Interesse an mir gezeigt hat. Zumal das Plattdeutsche ja nicht meine Muttersprache ist. Ich habe geahnt, dass das ein Wendepunkt in meiner beginnenden Theaterlaufbahn sein könnte: meine erste große Rolle. Und gleich eine neue Sprache lernen. Hörproben und Zoom-Plattcoaching haben mich den ganzen Sommer über nicht losgelassen. Und seit ich hier bin, habe ich einen persönlichen Coach, der mich speziell auf die plattdeutsche Aussprache hin trainiert. Und versucht mir das Österreichische auszutreiben (grinst). Ich lerne zunehmend die Sprache zu lieben. Über das Ohnsorg habe ich natürlich sofort recherchiert. Ein geschichtsträchtiges Theater mit großem Bekanntheitsgrad und einem großartigen Spielplan. Mein erster Einkauf zur Vorbereitung auf Hamburg war ein Low-Budget-Guide mit vielen Insidertipps, die ich jetzt nach und nach abarbeite. Hamburg ist wirklich eine sehr kosmopolitische Stadt, ich genieße es hier zu sein.


Was mögt Ihr besonders an dieser ebenso humorvollen wie auch berührenden Culture- Clash-Komödie?
MY: Die zwei Menschen, die eigentlich nicht in der Mitte der Gesellschaft stehen, gehen in einer ganz eigenen Verantwortung, mit sehr viel Humor (politisch unkorrekt, aber mit Freude) miteinander um. Und sie nehmen
ihre »Behinderung« mit einer großen Leichtigkeit
und Selbstverständlichkeit an.
CD: Was ich besonders mag, ist, dass sich zwei völlig unterschiedliche Männer aus völlig verschiedenen Gesellschaftsschichten begegnen, bei denen man niemals vermuten würde, dass sie auf lange Sicht intensiven Kontakt miteinander haben. Es geht u. a. nicht nur um gesellschaftliche, sondern auch um soziale Unterschiede. Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass beide viel voneinander lernen können: Den Umgang mit den Menschen an sich. Das gilt für alle. Mit der Zeit ergänzen sich diese so unterschiedlichen Charaktere.


Habt ihr in eurem Leben Erfahrungen gemacht mit Menschen mit Handicap? Wie empfindet Ihr in unserer Gesellschaft den
Umgang mit Behinderung?
MY: Mein Onkel war querschnittsgelähmt. Für uns ist das niemals ein Thema gewesen. Für unsere Familie war das Miteinander eine Selbstverständlichkeit, und da wir selbst Migrationshintergrund haben, war beispielsweise die Hautfarbe, die in diesem Stück ja auch eine Rolle spielt, nicht relevant.
CD: Ich habe im Rahmen meines Zivildienstes mit Menschen mit körperlichen und psychischen Behinderungen gearbeitet. Als Pfleger – wie in dem Stück. Und habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen von ihren Betreuern sehr abhängig sind. Die Arbeit ist nicht leicht, für beide Seiten eine große, auch gerade emotionale Herausforderung. Es braucht Zeit zueinander zu finden. Aber das ist doch bei allen, die sich zunächst als Fremde begegnen, so, da mache ich keine Unterschiede. Mein persönlicher Migrationshintergrund (meine Mutter ist Kubanerin) spielte als Kind tatsächlich für einige Leute eine Rolle, heute nicht mehr.


Hast du das Gefühl, dass der »Oberspielleiter Yeginer« dem »Schauspieler Yeginer« bei der Probenarbeit im Wege steht?
MY (mit einem Augenzwinkern): Manchmal schon.


Und du, Christian? Hamburg, Ohnsorg-Theater – für dich als Wiener ein »Culture Clash«? Oder erfolgreiche »Integration«?
CD: Natürlich ein Culture-Clash! (lacht). Nein, natürlich nicht! Ich freue mich hier zu sein, die Stadt ist sehr vielseitig und dynamisch, hat einiges zu bieten, empfängt mich mit offenen Armen – genau wie das Ohnsorg-Theater und das gesamte Team. Auch als österreichischer Kubaner bin ich voll integriert (grinst).


Was war für euch im Rahmen der Proben am schwierigsten? Schließlich galt es auch durchaus intime Momente zu bewältigen. Sicherlich für zwei sich zunächst fremde Menschen schwierig. Oder »normaler« Schauspieleralltag?
MY: Unter normalen Umständen schwierig. Allerdings war Christian mir von Anfang an sympathisch. Ich denke, ich kann für uns beide sprechen und sagen, dass wir von Anfang an keine Berührungsängste hatten. Im Gegenteil. Unser Humor scheint mir sehr kompatibel und ähnlich.
CD: Murat ist sehr routiniert und erfahren, die intimen Momente, Emotionalität und Körperlichkeit waren zu keiner Zeit schwierig, er gibt Tipps und hat mir die Arbeit leicht gemacht. Ebenso wie Milena Paulovics. Die Arbeit mit ihr war eine Freude.


Ihr seid durch die intensive Arbeit kollegial sehr »zusammengewachsen«. Der Beginn einer »ziemlich besten Freundschaft«?
MY: Ja. Auf jeden Fall.
CD: Definitiv.


Lieber Murat, lieber Christian: Vielen Dank
für das Gespräch!

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